Wegkreuzungen

Als mein Vater acht Jahre alt war, erlebte er am 8. April 1945, wie Hunderte von Menschen, KZ-Häftlinge aus dem Konzentrationslager Mittelbau-Dora, durch Clausthal-Zellerfeld getrieben wurden. Unter den Augen der Bevölkerung, die die Straßenränder säumte. Zwei Kilometer lang soll die Marschkolonne gewesen sein. Die meisten der 3.500 Menschen, die aus dem frontnahen Mittelbau-Dora nach Neuengamme ‚verlegt’ werden sollten, überlebten den Marsch nicht. Wenn sie nicht an Entkräftung starben, wurden sie von den Bewachern ermordet. Es war sicherlich einer der Gründe, warum meine Eltern mit uns Kindern schon sehr früh, ich war vielleicht erst neun, zehn Jahre alt, zur Gedenkstätte Bergen-Belsen gefahren sind. Damals war für mich das, woran dort erinnert wurde und wird, eher abstrakt. Von dem ehemaligen Konzentrationslager und Kriegsgefangenenlager waren kaum noch sichtbare Zeugnisse vorhanden. Umso wichtiger ist die Dokumentation der Verbrechen und vor allem die Berichte jener, die dieses Inferno überlebt hatten. Und die Zeugnisse einer Grenzen überwindenden Menschlichkeit, wie die Handschuhe, die eine russische Gefangene aus Deckenfasern für ein jüdisches Kind gestrickt hatte, damit es die Kälte übersteht. Eine Möglichkeit, der zunehmenden Geschichtsvergessenheit beizukommen: Nach Bergen-Belsen fahren. Und eine weitere: den Becklingen War Cemetery vor Bergen aufsuchen. Auf ihm liegen gut 2000 Soldaten britischer, kanadischer und anderer Nationen. Die jüngsten unter ihnen waren gerade 19 Jahre alt, als sie kurz vor Kriegsende starben. Mein Weg kreuzt die Todesrouten vergangener Tage, an diesen Kreuzungen neu über das Leben und über den Frieden nachdenken, dann weiter gehen. anders.

Eingang zum historischen Lagergelände und zum Friedhof der Gedenkstätte Bergen-Belsen
24 Jahre alt – Grabstätte des britischen Soldaten R. Suter auf dem Becklingen War Cemetery
Stahlskulptur mit Blutbuche von Jonny Lucius erinnert an das Massaker vom 8. April 1945 am Güterbahnhof von Celle.
Kriegsdenkmal – 1. Weltkrieg – unkommentiert