27. Januar 1990, 8 Uhr – dann öffnete sich hier die Grenze. Auf dem Harzer Grenzweg am Flüsschen Ecker, der streckenweise ein schmaler Patrouillenpfad ist, bewege ich mich zwischen West und Ost, der ehemaligen DDR und der ehemaligen BRD – wir mussten Letzteres in der Schule immer ausschreiben – den heutigen Bundesländern Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, den Landkreisen Goslar und Harz, in der ehemaligen Sperrzone. An die Innerdeutsche Grenze, diesem Monstrum aus fünf Kilometer breitem Sperrgebiet, 500 m breitem ‚Schutzstreifen‘ und 10 m breitem Kontrollstreifen, würde heute, 33 Jahre nach Grenzöffnung kaum noch etwas erinnern. Die Zäune sind längst abgebaut, die Grenzpfähle wurden fachgerecht recycelt oder nach Mauerspechtmanier zerlegt und liegen jetzt in den Reliquienschreinen der Bevölkerung verwahrt. Ein Stück stummer Beton mit Farbrest. Die Natur hat den Todesstreifen in ein grünes Band verwandelt. Diese Grenze, ein nun hoffentlich fruchtbarerer Ort. Es würde kaum noch etwas an diese Zeit erinnern. Aber kein Weg ohne Hinweis oder Infotafel, die Auskunft darüber geben, wie es gewesen ist, was hier mal stand, was geschehen ist usw. Die Erkenntnis, dass mensch nur sieht, was mensch weiss, würde hier, im ‚geschichtslosen‘ Grün ansonsten arg auf die Probe gestellt. Aber klar, weiss auch ich was, ich habe die Grenzanlagen auf Fahrten nach Berlin und in die DDR oder vom Zug aus durch Hessen mit eigenen Augen gesehen. Und manchmal sind wir mit den Eltern im Harz nach Torfhaus oder Richtung Braunlage und haben rübergeguckt nach ‚Drüben‘. Aber Geschichte wird durch Gucken allein nicht lebendig. Es braucht Menschen, die einem davon erzählen, wie sie diese Zeit, das System, ihren Alltag erlebt und oft genug durchlitten haben. Und es braucht andere Menschen, die ihnen wirklich zuhören. An dem Dokumentationshäusschen auf dem Grenzweg vor Stapelburg gehe ich dann aber vorbei: Too much Information bei 32 Grad im Schatten. Überhaupt komme ich mir allmählich überinformiert vor. Kaum ein Baum, kein Pfahl, der mich nicht daran erinnert, auf welchem multioptionalen Weg ich mich gerade befinde: Fernwanderweg, Fernradweg, Harzer Grenzweg, Klosterwanderweg, Ilsenburger Stieg … auf die Via Romea werde ich erst wieder in Wernigerode stoßen. Von Kloster Wöltingerode an war ich diesmal nicht allein unterwegs. Ich hatte mir vorher ausgemalt, was für eine ‚Dynamik‘ das gäbe, eine andere Wandererin oder einen Wanderer vor der Nase zu haben. Aber es war erstaunlich sympathisch, streckenweise überholten wir uns, kamen miteinander ins Gespräch und gingen dann wieder unserer Wege. Über die jeweiligen Motive haben wir uns dabei nicht unterhalten, nur über das, was augenblicklich zählte.















Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.