Bauernwege

Sitze im Schatten der Marienkirche von Mühlhausen. In ihr wirkte Thomas Müntzer, Reformator und einer der maßgeblichen geistlichen Anführer des Bauernaufstands in Thüringen im 16. Jahrhundert. Dass er nicht in Vergessenheit geraten ist, liegt sicherlich an seiner Vereinnahmung durch die DDR. Der streitbare Geist und leidenschaftliche Sozialrevolutionär passte gut in die sozialistische Ideologie. Luther dagegen stand, verkürzt formuliert, für die damals bestehende feudale Ordnung und lehnte zudem die gewaltsame Durchsetzung der Forderungen der Bauern nach Freiheit und Gerechtigkeit, vor allem aber die politische Vereinnahmung des Glaubens, grundsätzlich ab. Die Schrift Luthers „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ von 1525, gehört mit seiner Schrift gegen die Juden zu den furchtbarsten Texten des Reformators. Wer das liest, wird kein noch so harmloses ‚Luther-Klischee‘ mehr bedienen. Die gestrige lange Wanderung über Hainleite und Windleite, markante Höhenzüge im Norden von Thüringen mit Blick nach Brocken und Inselsberg, hatte es in sich. Zwischendurch hatte ich mich fröhlich verlaufen – fast wäre ich nach gut einer Stunde wieder beim Schloss von Heringen, das ich sehr früh verlassen hatte, angekommen. Wenn mensch sich dann doch wieder auf einen GPS-gestützten Navigator verlässt, sollte mensch auch ab und zu die Peilung überprüfen. Also nach drei Kilometern zurück auf Start, den Berg wieder hinauf. Und dann weiter auf Wegen, die zwar existieren – keine Ahnung, welches Kartenwerk die App verwendet, möglicherweise das Wegenetz seit der Völkerwanderung – zumindest aber seit vielen Jahren nicht mehr begangen worden sind. Durch hohes Gras, über umgestürzte Bäume, dichtes Jungholz, dann schließlich abgekämpft und ein bisschen ramponiert auf einem der ausgezeichneten Wanderwege zurück in den aufrechten Gang. Am Abend Ebeleben. Goethe war natürlich auch hier. Hat sich den Schlosspark angeschaut. Die riesigen LPG-Flächen kannte er natürlich noch nicht. Wer an ihnen entlang wandert, hat das Gefühl nicht voranzukommen oder überhaupt gar nicht erst anzukommen. Nimmermehr. Stoppelfelder bis zum Horizont, ein paar schüchterne Kornblumen, die Reste eines Feldrains. Immerhin ein paar muntere Lerchen über der Flur. Und Schwalben unter dem Dach. Ansonsten geht alles nach Ertrag. Nicht nach irritierten Wanderern. Den fußfeindlichen LPG-Plattenweg habe ich heute verlassen und schau mir das Bauernkriegsmuseum in Mühlhausen an.

‚Luthers‘ Rast‘ am ‚Lutherweg‘ in Heringen – Die Info weist darauf hin, dass Luther vom Pilgern nichts gehalten habe, weil nicht gerade familienfreundlich. Aber die ständigen Dienstreisen des Reformators …
Blick zum Kyffhäuser
Am Wege
„Junkerland in Bauernhand“ – Denkmal zur Erinnerung an die Bodenreform der DDR und die Errichtung der Neubauernsiedlung Neuheide bei Großfurra – ein dunkles Kapitel der DDR-Geschichte.
Auf dem Trampelpfad nach Großfurra
Tassen im Schrank – Latten am Zaun – hier anders, vielleicht ein Zauber, vielleicht eine Einladung zum Klönschnack.
Blick auf den Harz über Großfurra
‚Eiches Ruh‘
LPG-Platte mit Ausblick
Die letzten Süßkirschen
Hier war Goethe also auch … – Toreinfahrt zum ehemaligen Schloss Ebeleben.
Mühlhausen und sein umstrittener Pfarrer – Thomas Müntzer lohnt den Umweg.