Sonntagsspaziergang

Gestern Gotha. Drückende Hitze. Der Bahnhof hätte auch irgendwo auf Sizilien stehen können. Pflanzkübel. Ein paar Reisegruppen. Pauschalurlauber im Trolleystress. Weissverschleierte Frauen und eine offensichtliche Großfamilie, die Männer mit Dreispitz, Mantel und Kniebundhosen, die Frauen mit Haube und im Rock mit spitzenumsäumter Schürze. Ich dachte nur: ‚Wer‘s mag … bei der Hitze …‘ Ich suchte erstmal im nahgelegenen Schlosspark eine Bank auf. Schwerer Kuhglockenlärm trieb mich wieder hinaus auf die Straße: Gotha im Ausnahmezustand. Ein, gefühlt zwei Stunden dauernder, Umzug von Menschen in historischen Trachten aus ganz Europa zog an mir vorbei. Ich hatte Volkstanz- und Trachtengruppen bisher nicht als glühende Europäerinnen im Verdacht, noch hatte ich jemals etwas von der Europeade, die immerhin seit 1964 jedes Jahr in einer anderen europäischen Stadt stattfindet, gehört. https://www.europeade.eu/de/home Wenn auf diese Weise Grenzen überwunden, Vielfalt gelebt und immaterielles Kulturerbe erhalten werden, dann sollen sie sich gerne verkleiden. Das gegenwärtige Europa definiert sich aber derzeit vor allem, und gänzlich unverkleidet, über seine Außengrenzen. Aus der ‚Wiege des Europäischen Adels‘ – auch mit diesem etwas überkommenen Label schmückt sich die ehemalige Residenzstadt – hinaus in den Thüringer Wald. Das Wetter ist angenehm, aber windig, die Ausgangshöhe von gut 300 Metern ü. NHN macht aus der Etappe nach Georgenthal eher einen Sonntagsspaziergang.

Goethe in Gotha in Großbuchstaben am Geländer des Reisezentrums: „Denn man reist doch wahrlich nicht, um auf jeder Station Einerlei zu sehen und zu hören.“
Da winkt Europa – Umzug der 58. Europeade in Gotha – Blick aus der Orangerie auf die Friedrichstraße.
Powernap in Spitzenschürze
Die Künstlerin Hannah Höch (1889 – 1978) stammte aus Gotha.
Formatfüllend – Thüringer Bratwurst vor Rathaus und Stadtfest zur Europeade.
Rathaus von Gotha am Abend
Allgegenwärtig – Großer Inselsberg – 916,5 m ü. NHN
Am Wege – auch ein europäisches Thema – gibt eine Gedenktafel Auskunft: „Hier wurde am 27. Juli 1628 im Dreißigjährigen Krieg der Bauer Max Rudloff aus Ernstroda auf den Weg nach Gotha von Soldaten erschlagen.“