Wie ‚Saurier-Erlebnispfad’ und ‚Lutherweg’ näher zusammengehen, will ich an dieser Stelle nicht kommentieren, zumindest aber tun sie es geographisch, gleich hinter Georgenthal. Und das auf eine sehr lange Strecke hin, den zunehmend steiler werdenden Hang des Thüringer Waldes hinauf. Das Gebiet auf dem ‚Bromacker’ bei Tambach-Dietharz gehört zu den Hotspots paläontologischer Forschung weltweit. In diesen Tagen werde wieder ein internationales Team erwartet. Betont der ältere Tambacher, der mir rät, besser den Bus nach Schmalkalden zu nehmen. Und erwähnt der Forstbesitzer, dem ich unweit der Grabungsstätte begegne. Eigentlich hat er andere Sorgen: ‚Buchdrucker‘ und ‚Kupferstecher‘ machen seinen Fichten zu schaffen. In einer Tüte präsentiert er mir die Ausbeute der Fallen, mit denen die Borkenkäfer angelockt werden. Die Forstbehörde habe den ‚Kampf‘ gegen die erfolgreichen Rüsselkäfer bereits aufgegeben. In den nächsten Jahren werde sich der Thüringer Wald ähnlich wie der Harz entwickeln. Noch aber rauscht hier die Fichte, und wenn einer nicht so genau hinschaut, wirkt der Wald nahezu intakt. Für Eltern ist der ‚Saurier-Erlebnispfad‘ eine gute Gelegenheit, ihre fußmüden aber saurierlustigen Gören an eine längere Strecke von immerhin 4,5 Kilometer zu gewöhnen. Alle drei- bis vierhundert Meter eine neue Sensation in Form von ‚lebensechten’ Saurierskulpturen und ausführlichen Informationen aus der Zeit der Ursaurier und des Urkontinents ‚Pangäa‘. Gerne würde ich mit dem ‚Kleinen Flugdrachen‘ Coelurosauravus Jaekeli tauschen und im Gleitflug von Baum zu Baum den Berg hinaufgleiten. Kurz vor Erreichen des Gipfels mache ich Rast an einer, scherzhaft als ‚Bushaltestelle‘ getarnten Schutzhütte. Da hätte ich lange warten können, zumindest aber hätte ich auf eine kurzweilige Zeit hin Gesellschaft gehabt: Ein drahtiges Ehepaar aus Chemnitz kommt mit mir ins Gespräch und fragt mich besorgt, ob ich denn keine Angst davor habe überfallen zu werden, wo ich doch quasi meinen ‚Hausrat‘ mit mir trage. Ich erwidere, wenn es danach ginge, bräuchte ich gar nicht erst los zu laufen. Martin Luther ist im Februar 1537 wohl nicht gelaufen, sondern saß im Wagen. Immerhin hat ihn der Weg vom Treffen des ‚Schmalkaldischen Bundes‘, wie sich seine Vertreter anschließend nach dem Tagungsort nannten, von einer quälenden Last befreit: ‚Tambach … ist mein Phanuel (Pniel, Gen 31,32), an dem mir Gott erschienen ist“ schrieb der Reformator an seinen Kollegen Melanchthon. Ob es nun an dem Rumpeln des Wagens oder am Wasser des ‚Lutherbrunnens‘ lag, dass sich der prominente Harnwegsstein, der Luther das Leben zur Hölle machte, löste, Tambach hatte damit seinen Platz in der Geschichte der Reformation sicher. Und an Häusern, in Skulpturen und auf Gedenktafeln wird stolz auf das epochal-urologische Ereignis hingewiesen. In vorreformatorischer Zeit hätte man über der Stätte sicherlich eine Wallfahrtskirche errichtet und den Nieren- oder Blasenstein des Heiligen andachtsvoll präsentiert. Das Wasser aus dem Brunnen ist tatsächlich trinkbar, aber es schmeckt auch nicht besser als das profane Nass aus der Georgenthaler Leitung. Mit ‚Lutherbrunnen‘ in der Flasche – denn man kann ja nie wissen … – erreiche ich den Kamm des Höhenzugs und damit den Rennsteig, Deutschlands ältestem Weitwanderweg, an der Schutzhütte ‚Alte Ausspanne‘, 742 Meter ü NN. Weit geht der Blick ins Land, irgendwo im Vorland Richtung Ohrdruf oder Arnstadt brennt es, eine Rauchsäule steht über der Landschaft. Luther, um ihn nochmals zu bemühen, soll den Rennsteig tatsächlich auf Höhe der ‚Neuen Ausspanne‘, eine Strecke weiter südöstlich gequert haben. Aber der ‚Lutherweg‘ soll ja vor allem der Besinnung dienen, und so stolpere ich von Lutherzitat zu Lutherzitat auf den mancherlei Besinnungstationen den Weg hinunter nach Schmalkalden.


















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