Ein Sprung auf der Landkarte und ein bisschen aus der Zeit. Gerade sitze ich auf der Bank am Schweinemarkt im Schatten der Stadtverwaltung im Zentrum von Dinkelsbühl. Die ersten Schulkinder machen sich auf den Weg. Alles ist noch friedlich, die Tische vor den Gasthäusern sind ungesichert, man möchte den wenigen Müll, der vom Sonntag zurückgeblieben ist, eigenhändig einsammeln, um das schöne Bild des Schmuckstücks an der Wörnitz zu erhalten. Ein paar Fahrzeuge. Die einheimischen rollen sachte über das historische Pflaster. Nur, wer von Außerhalb kommt, kümmert sich wenig um das Ruhebedürfnis der ehemaligen Reichsstädter. Denn die meisten liegen jetzt vermutlich noch in den Betten und erholen sich von dem Jahresereignis Dinkelsbühls, der ‚Kinderzeche‘, dem historischen ‚Heimat- und Kinderfest‘. Das geht zwar auf ein kirchliches Bildungsförderprogramm für unbemittelte Kinder zurück, wurde aber durch das Motiv der Eroberung der Stadt durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg angereichert. Krieg zieht immer. Immerhin wird so das verheerende Ereignis und die Sinnlosigkeit des Krieges in Erinnerung gerufen. Und es soll ein Kind gewesen sein, dass die Skandinavier gerührt und von weiterer Zerstörung abgehalten hat, so die schöne Legende. Das wird stolz, engagiert und opulent inszeniert, in historischen Kostümen und einem beeindruckenden Umzug mit Trommeln, Kanonen und Marketenderinnen und eben sehr vielen Kindern. Alles ist auf den Beinen und spielt eine Rolle in diesem Historienspektakel, das mehr zu sein scheint als ein touristischer Event. Die Dinkelsbühler würden es vermutlich auch ohne Publikum feiern, einfach aus Spaß an der Freud. Die Stadt mit ihren mittelalterlichen Häusern taugt hervorragend als Kulisse. Dinkelsbühl liegt auch nicht von Ungefähr an der ‚Romantischen Straße‘, auf der ich quasi mit der Via Romea zwischen Tauberzell nach Rothenburg ob der Tauber und heute weiter nach Nördlingen unterwegs bin. Die Definition, was ‚romantisch‘ eigentlich bedeutet, ist dabei nicht klar zu fassen. „Der Name ‚Romantische Straße‘ drückt aus, was viele der Gäste beim Anblick mittelalterlicher Städte oder des Traumschlosses Neuschwanstein empfinden: Faszination und das Zurückversetzen in alte Zeiten.“ So die Website der 460 km langen Route von Würzburg bis Füssen. Der Ursprungsgedanke bei Begründung von Deutschlands ältester ‚Ferienstraße’ 1950 war ein touristischer. Deutschland, zumindest Westdeutschland, sollte für ausländische Touristen nach dem 2. Weltkrieg wieder attraktiv werden. Der Preis dafür war eine gewisse Musealisierung, die in Dinkelsbühl dazu führt, dass alle Ladenaufschriften in Fraktur oder altdeutschen Schrift gehalten sind. Bei so viel Mittelalter wünscht sich einer manchmal irgendetwas Funktionales aus Beton, Stahl und Glas, meinetwegen auch Holz im Ortskern. Irgendetwas, was an das 21. Jahrhundert erinnert und nicht Supermarkt ist. Es darf auch gerne intelligent gemacht sein und den Dialog mit den behäbigen Bürgerhäusern aufnehmen. Was ‚romantisch‘ weltanschaulich und ideologisch bedeutet, bleibt hier meist unbeantwortet, bzw. wird nicht weiter hinterfragt. Das Irrationale, Restaurative, die Flucht in die Idylle, die Angst vor der Veränderung, vor der notwendigen Transformation usw. könnten Dinkelsbühl entsprechend missverstehen. Aber ich müsste die Bürgerinnen und Bürger von Rothenburg oder Dinkelsbühl selbst befragen, wie es ist, in solch konservierten Städten zu leben. Insgesamt ein aktuelles, ein politisches Thema. Dinkelsbühl ist aber auch eine besonders schöne ‚Photo Opportunity‘! – Meine Fotos folgen hier, sobald ich wieder WLAN habe. Aber das hat nichts mit Romantik zu tun …




























Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.