Hinter Landsberg am Lech deuten sich die Berge an. Also das Allgäu und die Alpen. Heute morgen schwarzblau verhangen. Aber der Tag verspricht freundlich zu werden. Gestern bin ich von Augsburg kommend, über Buchloe hier im Lechtal eingetroffen und will heute, wenn das Wetter es zulässt, weiter nach Kaufbeuren wandern. Irgendwoher aus diesem Vorland im Schatten der Alpen hat sich ein Mensch, eine Familie, deren Name ich trage wie die Erinnerung an die Zeit des Aufbruchs, auf den langen Weg in den Norden gemacht. Natürlich ist einer immer mehr als sein Name, der in diesem Fall über die Vaterseite geht. Aber auch von Mutterseite ist die Richtung ‚von Süden her’ ähnlich. Als Kind habe ich mir immer vorgestellt, wie das wäre, Schwäbisch, Bayerisch, Fränkisch, Sächsisch oder Thüringisch zu sprechen oder zu schwätzen, und sich gar nichts dabei zu denken. Wäre ich ein anderer – sicherlich, und in manchen Fällen bin ich doch froh, dass ich ins Hochdeutsche ausgewandert wurde. Vor ein paar Jahren habe ich mal bei einem Test mitgemacht, der untersuchte, inwieweit der eigene Wortschatz Aufschluss über die Herkunft geben könne. Ich wurde daraufhin im Raum Aschersleben am östlichen Harzrand angesiedelt. Da waren ‚wir’ auch einmal. Es bleibt also doch immer etwas hängen. Beim Landsberger Metzger wurde ich vermutlich schon beim ersten Satz als ‚Nordlicht‘ erkannt, zumindest als Fremder und ‚Zugereister’. Grüße ich höflich mit ‚Servus‘, wird mit ‚Guten Tag‘ oder ‚Hallo‘ erwidert. Sage ich ‚Hallo‘ oder ‚Guten Tag‘, heisst es ‚Servus‘ und ‚Grüß Gott!‘. Es ist wie es ist. Ich brauche mich gar nicht zu bemühen, anbiedern schon mal gar nicht. Da nützte auch nicht mein Verweis auf die alten Herkünfte. Aber mit ‚Moin‘ fange ich hier trotzdem nicht an. Mein Name kommt halt irgendwo von hier unten und erinnert mich immer wieder daran, dass ich mich auf einer relativ kurzen Etappe einer Reise, die lange vor mir begonnen wurde, bewege. Woher genau ich komme, werde ich kaum gefragt. Das interessiert auch nicht die stumm-beredten ‚Gesprächspartner‘, von denen ich vorzugsweise in Kirchen angesprochen werde: „Sta Viator, et aude!“ – „Bleib stehn, Wanderer, Pilger, und hör mir zu!“ – heisst es auf manchem Grabstein, mal auf Latein, mal auf Deutsch. In der Regel klappt es mit der Verständigung doch recht gut. Wir werden geboren und sind, vorausgesetzt wir können es als lohnendes Ziel erachten, Pilgerin oder Pilger aus dem irdischen Jammertal nach dem Himmlischen Jerusalem, der Ruhe, die für uns bereitet ist, dem Ort, an dem wir uns wiedersehen werden, so Gott will. Damit wir aber nicht auf halber Strecke vergessen werden, und weil wir allezeit der Fürbitte bedürfen, so wie ich jetzt auch, müssen wir uns schon irgendwie bemerkbar machen. Ganze Kirchen wurden dazu errichtet und großzügige Spenden gemacht, damit für die Verstorbenen gebetet werden konnte. Für den gebildeten Mittelständler musste ein Hinweis auf einer Grabtafel reichen. Bei den Menschen ohne solche Möglichkeiten, durfte dies die Familie leisten. Eine Art Reiseversicherung für die Seele. Die Reise ist also noch nicht zu Ende, auch nach dem Hinscheiden nicht, so die Vorstellung. Durch Luther hat sich der Weg zu Gott heilsam verkürzt. Kein Fegefeuer, sondern Gott, den ‚glühenden Backofen voller Liebe’ erwartet den, der darauf vertrauen kann. Dennoch macht es Sinn, ab und zu auf die Denksteine zu schauen, um dann bewusster weiter zu ziehen. Da hat es auch ein paar schöne Reime, so wie diesen hier: „Bett, Wandersmann, den Todten hier. So bettet man dereinst auch dir.“ Jetzt aber raus aus den Betten!























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