„Wir sagen hier Römerweg.“

Eine unablässige Karawane von Fahrzeugen, tags wie nachts, immer, scheinbar auf ewig, zieht den Berghang entlang über die Brücken hoch über dem Wipptal und seinen Seitentälern. Seit den Tagen der Breonen, wenn nicht schon zuvor, ist der Brenner-Pass eine der Hauptrouten für den Handel zwischen Nord und Süd. Hinter meiner Herberge rauscht dieser Strom seit Eröffnung der Autostrada del Brennero SpA oder der Brenner Autobahn vor fast 60 Jahren. Zuvor war Plon oberhalb des Ortes Steinach am Brenner ein beschaulicher Weiler mit einer Handvoll Bauernhäusern und einem Gasthaus. Das Hintergrundsrauschen verliert sich aber irgendwann mit der Zeit in den Fichten und Kastanien am Haus. Es ist schön hier – mit Aussicht. Der Wirt macht mir ein ‚Panaché’ oder einen Radler und zeigt mir ein altes Foto aus der Zeit der Jahrhundertwende. Als ich ihm von meiner Wanderung auf der Via Romea berichte, bemerkt er nur trocken: „Wir sagen hier Römerweg.“ Ich werde das vielleicht übernehmen, Romweg klingt auch nicht schlecht. Aber ‚Via Romea’ erinnert mich immer ein bisschen an eine Pflegelotion, bei allem sonstigen Respekt. Ich beschließe den Abend hier oben zu verbringen, denn für den Weg mit 25 Prozent Steigung hinauf braucht es eher Bergziegenqualitäten. Wer hier ‚Anfahren am Berg‘ üben muss, kann es dann auch. Die Speckknödel mit Salat schmecken lecker, das Bier auch, und ich erhole mich von meinem schließlich abgebrochenen Versuch, über die Schlucht der Sill ins Wipptal zu wandern. Die Großbaustelle des Brennerbasistunnels, der den Personen- und Güterbahnverkehr ab 2031 zwischen Österreich und Italien erleichtern soll, besetzt die Schlucht, und für den Umweg über unbekannte Pfade bin ich einfach zu wenig ortskundig und zu spät dran. So darf ich mich behaglich im Postbus zurücklehnen, den Ausblick auf die Berge genießen und den schwitzenden ‚konventionellen’ Fahrradfahrern einen guten Weg über die kurvenreichen Nebenstrecke wünschen. Mit einem von ihnen, einem Münchener, unterhalte ich mich im ‚Gastgarten‘, wie es hier heißt. Bei seinen Freunden sei es fast ein ‚Muss‘, die Alpen zu Fuß oder mit dem Mountain- oder E-Bike zu überqueren. Einige Routen seien mittlerweile bereits hoffnungslos überlaufen. Diese ‚Challenge‘ liegt wohl auch bundesweit grade im Trend. Nun bin ich weder Hannibal noch einer seiner Elefanten und habe nicht vor, kurz vor Rom wieder abzubiegen. Ich werde mich danach richten, wie sich das Wetter in der Region entwickelt. Hier wird eine Gewitterfront mit Starkregen erwartet. In der letzten Woche gab es im Pustertal einige Murenabgänge, Häuser wurden vom Geröllschlamm beschädigt. Dazu fällt mir jetzt nur eines ein: Bahn frei – Dank Gästekarte! Aber noch ist es ruhig, insofern versuche ich es heute Morgen bis zur Grenze erst einmal zu Fuß.