Grenzüberschreitung IV

In Salurn / Salorno. Die Etsch bahnt sich ihren Weg – oder besser: wird gebändigt gebahnt – durch eine gigantische Felsenlandschaft. Wenn es nicht schon Gibraltar gäbe, dies müssten die ‚Säulen des Herkules’ sein. Aber es ist nicht das Ende der Welt oder das ‚Non plus ultra’. Es geht auch hier weiter. Heute bei Regen auf der Schiene nach Trento / Trient. Die ‚Salurner Klause‘ stand lange Zeit für die kulturelle Grenze zwischen dem einst mehrheitlich deutschsprachigen Südtirol und dem italienischen Trentino. Das trifft heute alles nicht mehr so ganz zu. Der italienischsprachige Bevölkerungsanteil wächst stetig, die staatlich verbürgte Zweisprachigkeit endet spätestens beim Busfahrer oder an der Kasse des Supermarkts. Und dort beginnt dann auch das Abenteuer meiner rudimentären Italienischkenntnisse. Mit der freundlichen Geduld und den Deutschkenntnissen nicht weniger Italienerinnen und Italiener, komme ich einigermaßen über die Runden. Seit der Abtretung Südtirols an Italien nach dem 1. Weltkrieg, war das Programm der ‚Italienisierung’ Südtirols, besonders forciert durch die Faschisten, ein hochbrisantes, und bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts hochexplosives Thema. Vereinzelt erinnern Gedenktafeln an diesen Konflikt, z. B. an die verbotenen ‚Katakombenschulen‘, in denen Kinder in den 20er Jahren heimlich in Deutsch unterrichtet wurden. Und an der Infotafel des Weinortes Margreid am zentralen Busbahnhof wird darauf hingewiesen, dass die italienischen Namen von Orten, Flüssen und Landschaften quasi in den Amtsstuben der italienischen Behörden ausgedacht wurden, jeglicher geschichtlicher Grundlage entbehrten und das ganze Projekt ein ‚Kulturverbrechen‘ gewesen sei. Dies werde mittlerweile auch von der Bevölkerung mit italienischer Muttersprache anerkannt. – Aber die Namen gelten seitdem und werden weiterhin verwendet -. „Erzählen Sie das Ihren Freunden!“, so der Appell. Meinen Freunden erzählen könnte ich auch von den Gruppen junger Männer, die abends im Bahnhofspark von Bozen sitzen und darauf warten, endlich einmal in Europa ankommen zu können. Dass die Salurner Klause eine Grenze sein soll, haben sich Menschen ausgedacht. Die Felsen sind zwar furchteinflößend, aber der Fluss schert sich nicht darum. Und das Tal ist auch an dieser Stelle erstaunlich breit.