Schluchtenwege

Es sind tatsächlich die Fensterläden. Sie sind das, was ich an Italien besonders liebe. Du sitzt drinnen, draußen regnet es, oder es brennt die Sonne vom Himmel, die hölzernen Fensterläden bieten Schutz vor allen Wettern. An die italienische Art Betten zu beziehen werde ich mich wohl nicht mehr gewöhnen. Auch wenn in Ottensen manchmal ein Laken ausreichte, um mit der nächtlichen Hitze klar zu kommen. Aber wohin mit der gesteppten Tagesdecke und wohin mit meinem Drang nach Beinfreiheit in dem eng gesteckten Betttuch?! Nun sitze ich auf der Terrasse einer Herberge in Primolano. Die Brenta fließt hier quasi durch ein Nadelöhr, bevor sie im Veneto villenreich und also großzügig zu Ehren kommt. Über mir droht eine steile Felswand. Die Zikaden zirpen. Der Autoverkehr nach Padua und Venedig legt sich langsam. Und die Wirtin schaute eben ein bisschen überrascht, dass der radebrechende Tedesco so ‚spät‘ noch auf dem Dach sitzen will. Aber hier ist gut sein. Das war nicht immer so. Unweit verlief einst die Grenze zwischen dem Königreich Italien und Österreich, und die enge Schlucht wurde durch die ‚Forte Tombion’ ‚militarisiert‘. Jede Landschaft hat ihre Geschichte, und beim Anblick der ach so ‚romantischen‘ Burgruinen denken wohl die wenigsten an Kriegslärm, brennende Dörfer und ausgehungerte Burgsassen. Auf der Terrasse in der Felsenkluft ist es aber heute friedlich, und demnächst werden sich auch hier die Fensterläden wieder schließen.