„Können Sie noch folgen?!“

„Devo parlare più lentamente?“ Der Kirchenwächter der Basilika Santa Giustina in Padua fragt mich, ob ich ihm bei seinem Vortrag noch folgen könne. Ich nicke und denke: ‚Hättste mal beim Sprachkurs in Siena besser aufgepasst’ – aber insgesamt setzen sich Worte und Wohlklang nach und nach zu einem sinnvollen Ganzen zusammen. Mit einem italienischen Paar führt er mich durch die Innenhöfe und Räumlichkeiten des angrenzenden Benediktinerklosters. Eine Privatführung. Das heißt schon etwas in einer der weltweit größten Kirchen mit einer Tradition, die bis in die Zeit Theoderichs des Großen, d. h. ins 5. Jahrhundert zurückreicht. Aber eigentlich müsste sich in dieser Kirche alles um die prominentesten Heiligen Gebeine am Orte drehen, keine Geringeren als den Apostel Matthias und den Evangelisten Lukas, aber – ‚Ladies first!‘ – Justina ist nun einmal Schutzheilige der Stadt Padua. Hier soll sie auch den Märtyrertod gefunden haben, während sich alle anderen Heiligen, die in dieser Kirche verehrt werden, oft auf mehr als wunderbare Weise dazugesellt haben. Platzvorteil. Einen weiteren Platz im Herzen der Bevölkerung nimmt einer der wohl alltagstauglichsten Heiligen überhaupt ein, Antonius von Padua. ‚Heiliger Antonius, hilf suchen!‘ Dieses Stoßgebet hat es sogar bis in unsere durchweg lutherische Familie geschafft. Was heute ein ‚AirTag’ leistet – ein GPS-Tracker, der z. B. am Haustürschlüssel angebracht wird, um diesen im Durcheinander orten zu können – das leistete früher Antonius. Wer aber erfahren will, wie ein Heiliger publikumswirksam, im wahrsten Sinne des Wortes, ‚zerlegt‘ und zubereitet wurde, kann es am Ort seiner Bestattung erleben. Die Reliquien der Zunge, des Unterkiefers und der Stimmbänder des einst begnadeten Predigers habe ich mir dann doch nicht angeschaut. Jetzt sitze ich längst in Ferrara auf den Treppenstufen am Palazzo del Municipio bei 31 Grad im Schatten. Nach dem etwas längerem Spaziergang, die Brenta abwärts, dann die Via Postumia nach Cittadella und weiter mit dem Zug nach Padua, habe ich die Route an den Euganeischen Hügeln vorbei über Rovigo in die Poebene hinein bis Ferrara jenen überlassen, die sich bei dieser Hitze braten lassen wollen. Hier im Schatten auf den altehrwürdigen Marmorstufen lässt es sich aushalten.