Auf den ersten Blick wirkt die Stadt wie eine triste Vorstadt, die sich das Zentrum erobert hat. Ferrara trägt einen etwas angegrauten Schleier. Erst die Abendsonne taucht alles in ein gnädiges Licht. Aber die Großstadt, die irgendwie keine sein will, ist gut durchdacht. Ein regelmäßiges Netz von Straßen und Gassen, Längs- und Querverbindungen sorgt dafür, dass alles im Blick bleibt und erreichbar ist. Wer das Prinzip eines der ältesten modernen Stadtplanungen der Welt verstanden hat, wird sich hier niemals mehr verlaufen. Eine sympathische Stadt, die weitgehend unprätentiös, fast schon verschwiegen daherkommt. Das liegt sicherlich auch an der Hitze, die den Touristen gehört. Aber so verschwiegen auch wieder nicht. Das Castello Estense, die wehrhafte Burg der einstigen Herrscherfamilie der D’Estes im Zentrum Ferraras ist ein deutliches Statement. Dagegen wirkt der Dom recht bescheiden. Ferrara ist seit der Zeit der D‘Estes ein Ort der Kultur. Und der Toleranz, mit bitteren Unterbrechungen. Hier fanden spanische Juden, die infolge der ‚Reconquista‘ 1492 vertrieben wurden, eine neue Existenz. Bis die D‘Estes keinen männlichen Nachfolger mehr vorweisen konnten und Ferrara Ende des 16. Jahrhundert unter päpstliche Gewalt fiel und Juden, wenn sie nicht schon ausgewandert waren, im Ghetto leben mussten und entrechtet wurden. Die Geschichte der Juden auf dem Gebiet des heutigen Italiens, seit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 n. Chr. bis zur Shoah, dokumentiert das hervorragende Museo Nazionale dell’Ebraismo Italiano e della Shoah, kurz MELS https://meis.museum/ – Ferrara lohnte ein paar Tage mehr. Aber nun sitze ich schon im Regionalzug und fahre durch die Emilia-Romagna Richtung Ravenna. Gut klimatisiert. Die Landschaft ist flach. Der Boden fruchtbar. Und monotone Situationen fördern ja die Meditation beim Gang durch die Botanik. Aber nicht bei 32 Grad im Schatten – ohne Schatten.














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