Il gatto di San Francesco

Sitze auf den Stufen der Chiesa San Francesco an der Via Berrettini in Cortona. Hoch über dem Tal. Neben mit lauert die Katze des Franziskaner-Konvents im Schatten der Mauer auf ihre ‚cena’, ihr vierbeiniges Abendessen. Oder ist sie wieder auf ihren Platz auf dem Fenstersims im Innenhof zurückgekehrt? Die Stufen sind noch aufgewärmt vom Tag. Auf der Bank unter den Bäumen trifft sich die Jugend des Quartiers und hört Musik, lacht, raucht, macht, was Jugend halt macht. Einige müssen wohl um 21 Uhr nach Hause. Ihre Stimmen hallen durch die tiefen Gassen. Die Verliebten bleiben noch sitzen. Ich habe zuvor einen aufgeregten Gast mit seiner Tochter eingelassen. Jetzt kann ich auch Spanisch googeln. Am frühen Abend hatte ich den Blick in den Innenhof des Konvents mit dem großen begrünten franziskanischen ‚Tau’ in der Mitte genossen und mir noch einmal die Geschichte von Giovanni di Pietro di Bernardone aus Assisi durchgelesen. Sein Vater soll ihn nach der Rückkehr von einer Geschäftsreise in Frankreich ‚Kleiner Franzose‘, eben Francesco genannt haben. Meine Begeisterung für den Mann aus Assisi hielt sich bisher in Grenzen. Lag es an der manchmal etwas arg kitschigen Heiligenverehrung? Oder der Mischung aus Verrücktheit, Glaubenseifer – jetzt schnellt die Katze wie ein Blitz an mir vorbei und hat etwas am Portal erwischt. Diesmal gab es wohl etwas Sechsbeiniges – und absolutem Gehorsam gegenüber den kirchlichen Institutionen? Ein bunter Vogel, der das System eher bestätigte als es zu verändern. Einer, mit dem sich die ‚Amtskirche’ schmücken konnte. Eine ‚Armuts-Attitude’ bei reich gefüllten Kassen? Das wird Francesco vermutlich nicht wirklich gerecht. Die strategische Frage war damals nur: Wie überleben? Denn andere entschiedenen christliche Gemeinschaften und anders Denkende wurden zur Zeit Francescos systematisch bekämpft. Was das betrifft, ist der zeitliche Abstand von knapp neunhundert Jahren nicht groß. Aber zwischen freiwillig gewählter und unfreiwillig erfahrener Armut bleibt ein Unterschied. Ich bin noch nicht ‚fertig‘ mit Francesco. Aber ich weiß, ein T-Shirt hätte auf meiner Wanderung vielleicht gereicht. Sorge macht schwere Rucksäcke. Und was ist mit der Katze? Oder dem Kater? Ich denke, diese Nacht ist noch nicht zu Ende. Morgen soll es weiter nach Chiusi gehen. Das liegt zwar etwas abseits von der Via Romea, hat aber ein namhaftes Museum für die Kultur und Kunst der Etrusker.