Im Garten der Pilgerherberge der Gemeinschaft der Suore Domenicane Missionarie di San Sisto in Orvieto. Der Heiligenschein der Madonna, der seit den gestrigen Abendstunden neonhell strahlte, ist mit den ersten Sonnenstrahlen verloschen. Die meist italienischen Gäste, ein Vater mit kleinem Sohn, Ehepaare, nehmen gerade ihre ‚Prima Colazione’, ihr Frühstück ein. Manche reisen ab. Ich werde noch bis Freitag bleiben. Es ist ein guter Ort hier bei den Schwestern, die sich der Bildung und der Mission widmen. Und hier vor Ort ihren Gästen, den Menschen auf dem Weg. Das Zimmer geht auf einen großzügigen Balkon hinaus und bietet einen beeindruckenden Blick auf das Tal und das Naturschutzgebiet des Monte Rufeno. Zimmer mit Aussicht … Orvieto, allein dieser Name hat für mich einen besonderen Klang. Dabei leitet er sich vom lateinischen ‚urbs vetus‘ her, was nichts anderes heißt als ‚Alte Stadt‘. Dass es hier schon vor ihnen – etruskische – Zivilisation gab, war den Römern also bewusst. Mit der Zahnradbahn, der ‚funicula‘, hatte ich den hohen, steilen und mächtigen Tuffsteinfelsen, auf dem Orvieto gegründet wurde, erklommen. Der freundliche umbrische Busfahrer nahm mich ein bisschen an die Hand und zeigte mir den Weg, den ich gehen müsse. Wie nähere ich mich einer Stadt wie Orvieto an? Ein bisschen hatte ich über die Stadt gelesen. Dass sie dem Papst während des ‚Sacco di Roma‘ im 16. Jahrhundert Schutz geboten habe. Und dass ihr Dom ein architektonisch wie ästhetisch hervorragendes Gebäude sei. Mein erster Gang, nachdem ich den Weg zur Unterkunft ermittelt habe, geht in der Regel in eine Kirche. Das ist nicht nur für einen Christen auf Wanderschaft ein bewährter Anlaufpunkt, der noch dazu Schatten bietet. Hier findet sich etwas von dem ‚Spirit‘ des Ortes wieder, Zeugnisse der Frömmigkeit verschiedener Jahrhunderte, die Schichten des Gemeinschaftslebens, durch die Jahrhunderte hindurch. Was ist Zeit? Die Frau, die in der Chiesa San Domenico gerade dabei war, die Bänke abzuwischen, machte keinen Unterschied zwischen den Resten der Kathedra des Heiligen Thomas von Aquin, der hier gelehrt hat, und einer sonstigen Kirchenbank. Entstaubt gehören beide. Durch enge Gassen fand ich dann den Weg zum Dom, dessen prachtvolle Fassade und das gestreifte Mauerwerk zwischen den engen Stadthäusern hindurch strahlte. Überirdisch im Mittagslicht. Den Besuch des Doms habe ich mir für heute vorgenommen. Ohne Ticket mit Zeitvorgabe geht es nicht. Orvieto lebt vom Tourismus. Zuvor will ich einmal die Stadt auf dem Berge umrunden, Schritt für Schritt. Ich habe Zeit. Was für ein Geschenk!






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