Das Hirn ist schon ein besonderes Mysterium. Und darin das Sprachzentrum. Dem Mitgast, dem ich eben im Garten von Orvieto ein freundliches ‚Bonjour‘ zurufe, war vielleicht für einen Moment irritiert. Aber ich musste mich erst einmal selbst orientieren und etwas Sinnvolles von mir geben. Warum also nicht auf Französisch?! Es ist noch früh am Morgen, aber gleich gibt es Kaffee. Eine Orientierung besonderer und grundsätzlicher Art erlebte ich gestern auf dem Gang um die Stadt, vor allem aber im Dom von Orvieto. Was für ein Gotteshaus! Die zwölf monumentalen Apostelfiguren und vier weitere Heilige weisen dem Gläubigen den Weg in das Mysterium des Glaubens. Dieses gewaltige Bauwerk, an dem die verschiedensten und besten Meister ihres Fachs, u. a. Fra Angelico, gewirkt haben, verdankt seine Existenz letztlich dem Zweifel eines böhmischen Geistlichen, einem Pilger, an der Transubstantiationslehre. Das heißt, der Lehre von der vollkommenen Wandlung von Brot und Wein bei der Eucharistie in den wahren Leib und das wahre Blut Jesu Christi und seiner bleibenden Gegenwart. Ein ‚Thomas‘ also, der in Bolsena 1263, erleben musste, wie beim Brechen des Brotes bei der Abendmahlsfeier, Blut aus der Hostie strömte, und zwar so reichlich, dass ein Altartuch, das ‚Korporale‘, damit durchtränkt wurde. Dieses Tuch mit dem Blut Jesu Christi, so zumindest die fromme Überzeugung, wird heute noch in der Seitenkapelle des Doms präsentiert und verehrt. Das Wunder aber wurde bald darauf vom damaligen Papst Urban IV. bestätigt und der heilige ‚Beweis‘ nach Orvieto geholt. Daraus entstand letztlich das Fronleichnamsfest, das die römisch-katholische Kirche in jedem Sommer, 60 Tage nach Ostern, mit Gottesdiensten und Prozessionen feierlich begeht. Es gibt wohl keinen Tag, der so programmatisch aufgeladen und die Kontroverse zwischen Katholiken und Protestanten so deutlich markiert hat, wie dieser Tag. Von den protestantischen Mistfuhren auf den Prozessionsrouten nicht zu schweigen. Dies hat sich sicherlich gewandelt. Luther kritisierte an dem Fest die päpstliche, jeder biblischen Begründung entbehrende, Bemächtigung des ‚Themas’, das eigentlich am Gründonnerstag seinen Sitz habe, wenn es denn um den Tag ginge. Abgesehen vom sicherlich immer mal wieder sehr volkstümlichen Prozessionstreiben. Wie auch immer: Der Glaube baut Gott Häuser wie dieses. Und manchmal haben sich wohl auch politisches Kalkül oder die Furcht vor der ewigen Verdammnis untergemischt. Ich bin einige Zeit in der Basilika geblieben und habe mich gefragt, was von den vielen ‚Botschaften‘ dieses Kirchraums heute noch beim Besucher oder bei der Besucherin ankommt. Bei aller Fülle, im Zentrum des Altarraumes ist auch hier das Kreuz aufgerichtet, so einfach wie anrührend gehalten, dass es in dieses opulente Setting nicht zu passen scheint. Die Frage ist: Ist dies der ‚Schlüssel‘ zum Verständnis des gesamten Raumes und seines Inventars? Der Raum jedenfalls wird besucht und bestaunt, vermutlich weitgehend unbekümmert von den Fragen nach den letzten Dingen. Die mächtigen Bronzetüren sind aufgeheizt von der Mittagssonne, nicht vom Höllenfeuer diesseits des heiligen Raumes? – Heute soll es später ins ‚Museo Archeologico Nazionale di Orvieto’ mit weiteren Zeugnissen etruskischer Kultur und zu dem architektonischen Meisterwerk, dem Brunnen ‚Pozzo di San Patrizio‘ des Antonio da Sangallo aus dem 16. Jahrhundert gehen.
























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