Hier badet längst kein König mehr, es sei denn im Schweiße seines Angesichts … ich persönlich finde die längst widerlegte Auskunft des isländischen Chronisten Abt Nikulás Bergsson aus dem 12. Jahrhundert, dass Theoderich der Große hier geplantscht haben soll – im Thíðreksbad- , am sympathischsten – however, wer die Brücke zum ältesten Teil von Bagnoregio, der Contrade ‚Civita‘, bewältigt hat, überlegt sich zwei Mal, ob er oder sie oder es diesen Ort mal für kurz wieder verlassen will, und sei es nur mal rasch zum Einkaufen. Ich musste nicht lange überlegen und bin geblieben, zumindest bis heute, auf steilem Felsen, diesmal aber ohne Bushaltestelle. – Orvieto liegt jetzt in der Ferne. Eine Stadt, zu der ich immer wieder zurückkehren würde. Die Pilgerinnen- und Pilgerstätte der Dominikanerinnen kann ich nur empfehlen! Nun aber ging es am Nachmittag mit dem Bus und einer kleinen, ereignis- wie hitzemüden, aber tapfer gegen die Müdigkeit anfilmenden, chinesischen Reisegesellschaft über die Landstraße nach Bagnoregio. – Der warme Abendwind weht durch den langen Toreingang der Porta Santa Maria. Dort müssen sie alle durch, und dort auf den Steinbänken hecheln und fächeln sie sich die Sommerhitze aus Leib und Seele. Danach aber erwartet einen eine entzückende kleine Stadt mit einer Kirche, die einst Bischofssitz war. Aber die Felsenstadt war nicht so sicher, wie gedacht. Erdbeben, Erdrutsche, Kriege und der demografische Wandel sorgten dafür, dass Civita zu den città che muoiono, zu den ‚Sterbenden Städten’ gerechnet wurde. Bis römische und us-amerikanische Enthusiasten und Investoren den Ort seit den 90ern wieder zum Leben erweckten. Ich erinnere mich noch gut an diese Zeit, als ich 1987 den erwähnten Italienischkurs in Siena machte. Mit zwei Studenten fuhr ich im Fiat Panda bei wohl mindestens 30 Grad und Hans Werner Henze aus dem Rekorder ins unbedarfte Ohr durch das Hinterland der Toskana. Das war meine persönliche ‚Toscana-Therapie‘. Vor allem fuhren wir durch einige Orte, die fast aufgegeben schienen, oder tatsächlich waren. ‚Civita‘ ist jetzt ein gut besuchter Ort. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Ort wiederbelebt wurde und letztlich eine schöne Fiktion ist, in der jedes zweite Haus als Ferienwohnung vermietet wird. Längst abgerutscht ist das Geburtshaus von Bagno Regios‘ berühmtestem Sohn, Giovanni Fidanzas aka Bonaventuras. Den Namen, der übersetzt etwa ‚Günstige Winde‘ oder ‚Gute Zukunft‘ bedeutet, soll Franziskus von Assisi beim Anblick des Knaben und späteren bedeutenden christlichen Theologen, Kirchenlehrers und Franziskaners noch auf dem Sterbebett ausgerufen haben. Albert von Stade selbst wechselte später von den Benediktinern zu den Franziskanern. Bonaventura überlebte Albert um ca. zehn Jahre. Die Kirche San Bonaventura da Bagnoregio bewahrt den rechten Arm des Heiligen. Und hier wird auch die Erinnerung an den Besuch Joseph Ratzingers, des einstigen Bischofs von Rom, Papst Benedikt XVI. lebendig gehalten, in Marmor, wie sich dies für einen solch hohen Besuch wohl gehört. Ratzinger hatte sich über das Offenbarungsverständnis und die Geschichtstheologie Bonaventuras habilitiert. Ob in der weltabgeschiedenen umbrischen Abtei, im erhabenen Orvieto oder im entrückten Bagnoregio, die Kirchen- und Theologiegeschichte holt einen immer wieder ein. Auch wenn einem die mittelalterlichen Denksysteme eines Thomas von Aquin oder eines Bonaventura zu abstrakt, spekulativ und manchmal auch abstrus vorkommen mögen, eines zumindest haben diese Beiden: sorgfältig und konsequent nachgedacht. Morgen soll es nach Montefiascone gehen. Da soll Luther genächtigt haben, wenn das keine Adresse ist … Die Flieger über Bagnoregio zeigen mit ihrer Flughöhe schon an: Rom ist nicht mehr fern!










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