Sweet dreams …

Die Stimme von Annie Lennox beherrscht die Piazza vor der Chiesa San Giovanni Battista degli Almadiani. Die Trattoria am Platz spielt gerade die Hits der 80er rauf und runter. Und gerade „Sweet Dreams (Are Made of This)“ der Eurythmics von 1983. Mit dem Song in Dauerschleife fuhr damals unser Kunstleistungskurs mit dem Zug Richtung Rom. 40 Jahre soll das her sein? Der Song hat alle Moden überlebt. Er erzählt von der manchmal bitteren, aber letztlich weisen Einsicht, die Entscheidungen des anderen – und vor allem die eigenen – zu respektieren. A propos Entscheidungen … It‘s Sunday, must be … Viterbo?! Ich habe mich dazu entschieden, diese Stadt jetzt einfach mal nur auf mich wirken zu lassen … was immer das heißt, aber hier auf der Bank im Zentrum fühlt es sich einfach richtig an, einfach nur da zu sitzen. Auch wenn mir der engagierte Angestellte am Empfang meiner Herberge gleich die Sehenswürdigkeiten Viterbos, inklusive Restaurantempfehlungen, auf dem Stadtplan markierte. Und dies, etwas gebraten, nach einem ausgedehnten ‚Spaziergang‘ in der heißen Augustsonne, der streckenweise über die noch recht gangbare Via Cassia von Montefiascone Richtung Viterbo führte. Die schweren Basaltsteine der Römerstraße liegen gut gesetzt nun schon seit fast 2200 Jahren. Wer mag alles darüber geschritten, geritten oder gefahren sein? Römer, Langobarden, Franken, Händlerinnen und Händler, Arme, Reiche, Pilgerinnen und Pilger. Hier wird Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes begehbar. Jeder Stein erzählt von Entscheidungen, von körperlicher und gedanklicher Arbeit, von dem Willen, Orte und Menschen miteinander zu verbinden. Und noch immer rumpeln die Fahrzeuge, zugegeben etwas widerwillig, über die bestens erhaltenen Streckenabschnitte. Vereinzelt und entfernt von den heutigen Hauptverkehrswegen, aber immerhin. Pilgerwegsmäßig ist die Strecke allerdings immer noch, oder seit einigen Jahren wieder, eine Hauptverkehrsroute. In Montefiascone habe ich erstmals die berühmte, und im Gegensatz zur Via Romea routen- und marketingmäßig bestens ausgestaltete, Via Francigena von Canterbury nach Rom betreten. Hier wird der Pilger, die Pilgerin so richtig ‚bei der Hand‘ genommen. Kein bescheidener Aufkleber an irgendeinem Laternenpfahl, sondern richtige ‚Verkehrsschilder‘ und große Infotafeln. Am Ende des Zuständigkeitsbereichs der Kommune Montefiascone verabschiedet sich der Bürgermeister persönlich auf der letzten Tafel mit einem Reisesegen – und dem Wunsch, sich doch auch später einmal wieder zu sehen … da ich, jahreszeitlich bedingt, absolut allein unterwegs war, hörte niemand meine freundliche Erwiderung. Was das Marketing der Region betrifft, gab es nicht nur päpstlichen – ich lustwandelte zwischen Montefiascone und Orvieto auf dem Boden des ehemaligen, einst etwas größeren, Kirchenstaates – sondern auch den Beistand eines deutschstämmigen Geistlichen. Nein, nicht des ausgewiesenen Biertrinkers Martin Luther, sondern Johannes Deucs, Defuks oder Fuggers – da gehen die Deutungen auseinander. Der Prälat soll im Jahr 1111 auf der Reise König Heinrichs V. zur Kaiserkrönung nach Rom seinen Diener beauftragt haben, voraus zu eilen, die besten Weine auf dem Weg ausfindig zu machen und dies jeweils mit dem lateinischen ‚Est!‘ für ‚Hier ist es!‘ am Tor des Weinguts zu bezeichnen. Bei einem Weißwein aus Montefiascone überschlug oder steigerte sich die Bewertung zum berühmten: Est! Est!! Est!!! Dass die ‚Story‘ dazu in der Kirche St. Flaviano an der Via Cassia am Ortseingang von Montefiascone ruht, mag nicht jedem geläufig sein. Der Prälat, so die Legende, blieb, trank und starb. Zwei Jahre später. ‚Zu viel ‚Est!!!‘ habe ihm das Leben gekostet. Etwa so soll es auf dem Grabstein stehen, den sein treuer, und wohl auch weiserer, Diener seinem Herrn gesetzt hat. Zu ‚Füßen‘ des Steins wird aktuell ein Kasten mit den Gebeinen Defuks, vermischt mit den Scherben eines mittelalterlichen Weinglases (?!) ausgestellt. In Italien, aber sicherlich nicht nur dort, wird offensichtlich alles ausgestellt. Und jahrhundertelang soll jährlich ein Fass Wein über dem Grab ausgeleert worden sein – ich hoffe nicht, dass das kostbare Nass sofort in der geistlichen Grube versickerte … by the way: An Goethes‘ Geburtstag – weil der Name ja schon lange nicht mehr fiel – soll es regnen! Auch in Vitralla, meiner nächsten Station.