Es muss die ganze Nacht hindurch geregnet haben, und es regnet noch. Und es ist merklich frischer geworden. Eichen im Nebel. Ob ich den Weg nach Sutri durch Eichenwald und Haselstrauch zu Fuß antreten werde, werde ich sehen. Gestern, als ich am Abend nach einem langen Weg durch Vetralla zurückkehrte, wurde ich am Waldrand, an dem meine Herberge liegt, schon mit einem tiefen, nicht wirklich freundlichen Warngrunzen von einem Wildschwein begrüßt. Ihm mag heute der Wald gehören. Vetralla liegt im vulkanisch geprägten Hügelland des südlichen Tusciens. Viterbo habe ich mir gestern noch ein bisschen näher angeschaut. Als ‚Stadt der Päpste‘ wird sie beworben, und ihre Präsenz im 13. Jahrhundert lässt sich heute noch gut an den erhaltenen, oder nach den Zerstörungen des 2. Weltkriegs rekonstruierten, Palästen im Stadtbild ablesen. Wer einen Film über das Mittelalter des 13. oder 14. Jahrhundert drehen wollte, fände hier reichlich Kulisse, inklusive mächtiger ‚Geschlechtertürme‘, Pilgerherbergen und Gassen, bei dem einer jederzeit damit rechnet, dass William von Baskerville aus dem ‚Namen der Rose‘ auf einem Maulesel um die Ecke kommt. Hier suchte die päpstliche Kurie nicht nur Schutz vor den römischen Adelsfamilien, hier haben sie auch einen Papst gewählt, im bisher längsten Konklave der Geschichte. Ganze 1005 Tage, vom 30. November 1268 bis zum 1. September 1271, soll es bis zur Wahl von Papst Gregor X. gebraucht haben. Zuletzt empfahl Bonaventura, die Kardinäle auf Wasser und Brot zu setzen. Das half. ‚A closed Society, like a Monastery‘ sei Viterbo bis heute. Ich treffe in der ‚Casa di Santa Rosa‘ auf Pietro, einem ‚Pathfinder and Hiking Guide‘, der Pilgerinnen und Pilger aus aller Welt auf der Via Francigena begleitet. Wer der Gesellschaft von Viterbo ‚ins Herz‘ schauen möchte, muss wohl das Wohnhaus und das anliegende Kloster, das sich heute dem Gedächtnis Santa Rosas, der Patronin Viterbos, verschrieben hat, aufsuchen. Hier wird die jung verstorbene Frau aus dem 13. Jahrhundert bis auf den heutigen Tag als Schutzheilige junger Mädchen verehrt. In einem großen Saal ist ihr mumifizierter Leichnam aufgebahrt. Dass sie bald zur Volksheiligen erklärt wurde, liegt vermutlich in einer Mischung aus tiefer Frömmigkeit und politischer Zweckmäßigkeit in unsicheren Zeiten begründet. Mit ihrem klaren Bekenntnis zum Papst und gegen die zeitweise starke Bewegung der Katharer, vor allem gegen den zu ihrer Zeit bereits als ketzerisch verdammten römisch-deutschen Kaiser Friedrich II, war sie als Symbolfigur willkommen. Seit dem 17. Jahrhundert wird zu Ehren der Hl. Rosa jährlich die ‚Macchina di Santa Rosa‘, ein 28 Meter hoher und fünf Tonnen schwerer Turm, mittlerweile aus Aluminium, Glasfaser und weiteren leichteren und feuerfesten Materialien gebaut. Und dann am Abend von der Gemeinschaft der ‚Facchini’ von der Porta Romana bis zur Chiesa di Santa Rosa getragen. Das Mega-Ereignis wird im Fernsehen live gesendet. Mit der Strecke wird an die päpstlich angeordnete Überführung der Heiligen nach ihrem Tod in das Kloster der Klarissen erinnert. Denn die Franziskanerinnen, zu denen Rosa einst gehören wollte, hatten Rosa drei Mal abgelehnt. Die diesjährige ‚Macchina‘ steht schon bereit, und die Männer, die dieses Gewicht stemmen wollen, bereiten sich vermutlich schon den ganzen Sommer in den Muckibuden Viterbos darauf vor. Draußen kündigt dichter Nebel das Ende des Sommers an. Ich werde jetzt meinen ‚Zaino‘, meinen Rucksack packen und vergleichsweise unbeschwert zur Station traben, Fahrziel Station Capranica-Sutri, dann zumindest den Teil des Weges ohne Wald nach Sutri.














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