Ein Jahr ist es jetzt her. An jenem Morgen des 1. Juli verließ ich bereits gegen 6 Uhr das Haus. Ottensen menschenleer, es war Samstag. Und es regnete so vor sich hin. Kein wirklicher Grund, um vor die Tür zu gehen, geschweige denn, sich durch die feuchte Botanik Richtung Stade zu kämpfen. Dort lag mein erstes Ziel, der eigentliche Startpunkt der historischen Etappe von der Stadt an der Schwinge zur Stadt am Tiber. Ich habe das Projekt ‚Von Altona nach Ostia‘ genannt. Das hatte was von ‚Anfang und Ende‘, A und O. Angeregt wurde die ganze Tour dadurch, dass ich von der ‚Via Romea‘ erfuhr. Beschrieben wurde der Weg nach Rom von dem Stader Abt Albert in seinen ‚Annales Stadenses‘, einer Chronik, ursprünglich von den Anfängen der Welt bis in das Jahr 1256. In dieser Chronik tauchen die beiden Klosterbrüder ‚Firri‘ und ‚Tyrri‘ auf, im Französischen hießen sie heute Ferry und Thierry, im deutschsprachigen Raum Friedrich und Dietrich, was ich erst im Nachhinein herausfand und einigermaßen sympathisch finde. Firri und Tyrri sind zwei gebildete junge Männer, Klosterbrüder, die sich am Heiligabend mit mathematischen Rätseln unterhalten und wachhalten. Firri eröffnet Tyrri im Laufe des Gesprächs seine Reisepläne. Er will nach Rom reisen und bittet Tyrri um Unterstützung. Offensichtlich kennt sich dieser mit den verschiedenen Routen nach Rom und von dort aus weiter nach Jerusalem aus. Und Tyrri nennt ihm die wichtigsten Orte auf der Hin- und Rücktour und die Länge der Etappen. Es ist mehr eine Aufzählung mit den wichtigsten Anmerkungen als eine ausführliche Schilderung der Reiserouten. Und, ehrlich gesagt, hatte ich an jenem Morgen erst einmal nur im Sinn, dass ich mir vorgenommen hatte, los zu gehen – gewissermaßen auf’s Geratewohl. Und nach rund zwölf Stunden und einem Fußmarsch von 43,2 Kilometern – was für eine Energie! – am Elbdeich entlang, an endlosen Apfelplantagen vorbei, zeitweise von der Wander-App tief ins Schilf gelockt, traf ich dann in Stade ein. An dieser Stelle hätte ich den Bus nehmen können, um wieder nach Ottensen zurückzukehren, aber ich wollte ja, wie Firri, unbedingt nach Rom. Es gibt sicherlich auch gute Gründe zuhause zu bleiben. Nachzulesen bei der us-amerikanischen Philosophin Agnes Callard. Keine schlechte Reiselektüre!


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