Die Linden standen am 5. Juli vor einem Jahr in satter Blüte, aber der Wind, der über die Bundesstraße von Soltau nach Celle fegte, nahm ihnen ihren Duft. Ein seltsames Gefühl, eine so unsinnliche Landschaft zu passieren. Unter mir der Asphalt des Fahrradweges entlang der B 3 von Hamburg bis Weil am Rhein, kurz vor Basel. Denn ich musste dem Truppenübungsplatz Bergen, einem der größten seiner Art in Europa, ausweichen und die Bundesstraße nehmen. Eine ganze Kulturlandschaft mit Dörfern, Gehöften und Äckern wurde seit Einrichtung des militärischen Geländes 1935 von Panzerketten untergepflügt. Wenn da nicht die Warnschilder wären, die monströse Anlage würde nicht weiter auffallen. Aber die Auswirkungen militärischer Übungen waren nicht zu übersehen. Sie liegen am Wege. Der britische Soldatenfriedhof bei Becklingen Oehus erinnert an die oft noch blutjungen Männer, die bei den Kämpfen des 2. Weltkrieges in dieser Region getötet wurden. Auf ihren gepflegten Grabsteinen las ich ihre Namen, den Tag ihrer Geburt, den Tag ihres Todes, Worte des Trostes aus der Bibel, Sinnsprüche – Versuche, mit ihrem Verlust irgendwie klar zu kommen. Die meisten starben in den letzten beiden Monaten des Krieges. Wie der neunzehnjährige Soldat oder ‚Private‘ Kenneth Endley, der am Sonntag, dem 15. April 1945 getötet wurde. Das war der Tag, an dem britische Truppen die überlebenden Menschen im Konzentrationslager Bergen-Belsen, etwa siebzehn Kilometer entfernt, befreiten.
Gerade in unseren aufgerüsteten Tagen ist es wichtig, Stätten wie den Soldatenfriedhof kurz vor Bergen bewusst aufzusuchen. Und ihr Pathos sollte nicht vergessen machen, dass Menschen wie Kenneth sicherlich alles dafür gegeben hätten, einfach und sorglos in jenen Sonntag im Frühling hinein zu leben.

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