Lebendiges Archiv

„Man sieht nur, was man weiss.“ Dass diese Erkenntnis von Goethe stammt, habe ich eben noch mal nachgegoogelt. Das gilt für Vieles, besonders für eine Reise wie der meinen. Das Wissen über das, was ich da täglich sah, gewann ich meist erst im Vollzug, Schritt für Schritt – und Infotafel für Infotafel, im ‚Lebendigen Archiv’ der Kulturlandschaften, zusammengestellt und präsentiert von lokalen Geschichtsvereinen, interessierten Bewohner_innen oder engagierten Historiker_innen. Es sei denn, ich hätte zuvor sämtliche Reiseführer eingesogen und so bestens vorbereitet und wissenstrunken die Reise angetreten. Aber was heisst ‚Wissen‘ eigentlich genau? Faktenwissen? Erfahrungswissen? Oder eher die Einsicht in größere Zusammenhänge und die Fähigkeit, einen Ort wie zum Beispiel Wendeburg im Landkreis Peine mit seiner besonderen Geschichte und seinen einzelnen Lebenslinien, einordnen und einbinden zu können in einen größeren historischen und politischen Zusammenhang? Dass hier die erste Kraftpostomnibuslinie der Welt startete – ohne die Gedenktafel, die daran erinnerte, hätte ich bis zu jenem Morgen von der postwendenden Mobilitätsoffensive mit dem Ziel, Briefe schneller und so pünktlicher von A nach B zu transportieren, nichts geahnt. Und nicht so lange vor meinem Eintreffen am Abend des 8. Juli im letzten Jahr, wusste ich von Wendeburg so gut wie gar nichts. Was ich zu sehen bekam, war ein Ort mit Straßen, Fachwerkhäusern, einer alten Kirche und einer Unterkunft für die Nacht. Ich hätte wohl ein paar Wochen oder Jahre dort verbringen müssen, um annähernd zu verstehen, was hier gespielt wird. Und dass der Gründer der ehemaligen Firma ‚Knorr‘ von hier aus in die Welt … irgendwann hätte ich es vielleicht erfahren. Diese gewisse Blindheit gehört wohl, Goethe rauf oder runter, zum Wesen jeder Reise. Was für mich zählte, war die aufgeschlossene Wahrnehmung all dessen, was unverhofft auf mich zukam. Und sicherlich auch Goethens Einsicht „… dass wir nichts wissen können.“ – aber davon recht viel.