Bei Kafka denke ich vor allem an ‚Vatermörder‘ in Schreibstuben, nicht an Freikörperkultur. Dass er sich schließlich aller Textilien entledigt hatte, lag wohl an der besonders entspannten Atmosphäre der Naturheilanstalt Jungborn bei Stapelburg am Harz. Hier im Eckertal hatte der Naturheilkundler Adolf Just seinen Traum von der Rückkehr zur Natur, einer salz- und zuckerfreien, vegetarischen Lebensweise unter Nutzung der Heilmittel ‚Licht, Luft, Lehm und Wasser‘ in die Natur gesetzt: Rund hundert ‚Lichtlufthäuschen‘ boten Raum für Ruhe und Genesung. Streng nach Männern und Frauen getrennt, aber dann im ‚Damenpark‘ und ‚Herrenpark‘ so frei wie möglich. Kafkas Häuschen trug den Namen ‚Ruth‘. Eine Schreibblockade soll er hier im Jahr 1912 überwunden haben. Von dem wohl einst größten Sanatorium Deutschlands sind nur noch wenige Spuren vorhanden. Das Areal nahe der Zonengrenze hatte die DDR dann zwangsrenaturiert. Angst schafft Blockaden. Allenfalls Flora und Fauna konnten sich über dieses Biotop freuen. Schließlich auch der Mensch, als der letzte Grenzzaun aufgewickelt und entsorgt worden war und sich der ehemalige Todesstreifen allmählich in das heutige ‚Grüne Band Deutschland‘ verwandelte.
Der Gedanke an Kafka war an diesem absurden Grenzort der Geschichte zwar naheliegend, aber die Vorstellung, ihn inmitten von nackten Kurgästen aller Formate zu sehen, wollte mir an diesem Julitag einfach nicht gelingen. Es ging Kafka wohl anfangs ähnlich. In seinem Tagebucheintrag vom 11. Juli 1912 heißt es:
Hie und da bekomme ich leichte, oberflächliche Übelkeiten, wenn ich, meistens allerdings in einiger Entfernung, diese gänzlich Nackten langsam zwischen den Bäumen sich vorbeibewegen sehe. Ihr Laufen macht es nicht besser. Jetzt ist an meiner Tür ein ganz fremder Nackter stehengeblieben und hat mich langsam und freundlich gefragt, ob ich hier in meinem Hause wohne, woran doch kein Zweifel ist. Sie kommen auch so unhörbar heran. Plötzlich steht einer da, man weiß nicht, woher er gekommen ist. Auch alte Herren, die nackt über Heuhaufen springen, gefallen mir nicht.
Aber am Ende konnte der Schriftsteller dem textilfreien Treiben, mit einiger Ironie und Selbstüberwindung, aber dem grundsätzlichen Interesse an Naturheilverfahren, etwas abgewinnen. Den Stress war er vorerst los.

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