Am Mittelpunkt Europas …

Keine fünf Kilometer von meiner Herberge entfernt, befindet sich der Mittelpunkt Europas – nach neuester Berechnung. Das heißt, post Brexit und dem Ausscheiden Groß Britanniens aus der Europäischen Union. Die gestaltete Mitte unseres Kontinents ist also eher als Mahnmal zu verstehen. Veitshöchheim kann sich so wenigstens einer weiteren europäischen Mittelpunktstellung rühmen. Die nimmt die Gemeinde bereits durch die ehemalige Sommerresidenz und vor allem den Hof- bzw. Lustgarten der Würzburger Fürstbischöfe ein. Ein exquisites Ensemble rokokoesker Raffinesse! Diesmal gibt es Regen, auch eine Art Offenbarung. Immerhin habe ich erkannt, dass Fichten auch in Parks eine gute Figur machen können, sogar als Alleebäume. Ich vermute aber, diese Exemplare werden ihres historischen Sonderstatus wegen besonders gehätschelt. Vom Bahnsteig quasi direkt in den Park, das gibt es wohl nur hier. Eigens für die Momente der An- und Abreise wurde für die bayerischen Könige, denen Veitshöchheim später gehörte, ein eigener Pavillon am Gleis errichtet. Fast wäre der Park der Bahntrasse zum Opfer gefallen, wenn nicht Ludwig I. interveniert hätte. Und während oberhalb des Gartens der Bahnverkehr fließt, strömt unten der Main in Richtung Rhein und dann ins Meer. Auch wenn es seit dem 17. Jahrhundert eine, wenn man so will, kirchliche Liegenschaft war, diente sie weniger der Kontemplation als der Zerstreuung. Es war auch nicht die Zeit langer Pilgerfahrten, sondern der Bildungsreisen à la Grand Tour. Und wer eine schöne Weile in Italien verbracht und als Fürstbischof zu Macht und Mitteln gekommen war, wollte dann auch eine Grotte nach Art des Palazzo Pitti in Florenz haben, grad hier am Main, grad vor der eigenen Haustür. Ein großes Souvenir im europäischen Format. Eine Erinnerung im fränkischen Nieselregen an die Pariser oder Römischen Abende, als sie noch mild waren. Ansonsten ist das alte Fischer- und Weindorf Veitshöchheim vor der Gartenpforte noch gut zu erkennen. Wer aber den Park betritt, wechselt in eine andere Welt und kommt möglicherweise auf andere, weitere Gedanken. Heute geht es weiter durch das Tal der Tauber nach Rothenburg o. d. T. – by the way … in fünf Monaten ist Weihnachten!

Wer lesen kann … im Küchengarten des Hofgartens von Veitshöchheim.