Über alle Berge

Vom Harz zu den Alpen, von Stapelburg nach Goßensass, von Kafka zu Ibsen – über alle Berge. Seit den letzten Zeilen ist einige Zeit ins Land gegangen. Die fußläufige Wahrnehmung von Zeit und Raum war vor einem Jahr eine andere als die der täglichen Routine in Hamburg. Und ich bin heute erstaunt, wie weit ich damals in knapp drei Wochen gekommen war – und wie rasant die jetzigen letzten drei Wochen vergangen sind. Meine ‚Routine’, meine ‚Wegerfahrung‘ damals kannte natürlich auch Wiederholungen und Gewohnheiten. Und ich konnte auch auf frühere Erfahrungen zurückgreifen. Aber letztlich war das meiste auf der Strecke Premiere. Wenn ich aber morgens auf dem Weg zur Arbeit in den 16er in Richtung Osdorfer Born fahre, unterscheidet sich dies eigentlich nicht groß von einer Busfahrt von Buchloe nach Landsberg. Nur die Aussicht ist eine andere, und manche Passagiere sprechen mit bayerischem Akzent. Das kann einem in Hamburg aber auch passieren. Aber sicherlich bewege ich mich in meiner gewohnten Umgebung routinierter als auf unbekanntem Terrain. Diese Zielstrebigkeit verkürzt die Zeit, oder beeinträchtigt das Zeitempfinden so stark, dass es zeitweise ganz aussetzt. Erst die Unterbrechung oder der vereinbarte Termin lässt mich auf die Uhr schauen. Vermutlich hätte ich mehr Zeit gewonnen, im Sinne einer Bereicherung und nicht einer Ersparnis, wenn ich einfach aufs Geratewohl losgelaufen wäre, ohne zu wissen, wo ich bei Einbruch der Dunkelheit landen würde. Aber selbst Tyrri und Firri, diese in geistlichen Dingen sicherlich routinierten Mönche, hätten sich auf alles verlassen, was ihnen die damalige Zivilisation bot an Wegmarkierungen, Unterkünften und den Möglichkeiten, Zeit zu gewinnen, um von Stade nach Rom zu kommen. Wahrer Gewinn war bei meinem Unternehmen keine Frage von Sekunden, Minuten oder Stunden. Sicherlich hatte ich den 1. September als Treffpunkt in Kopf und Kalender, aber zwischen A und B konnte ich einen großzügig bemessenen Spielraum nutzen. Er hat sich anders ausgedehnt und war insgesamt strukturierter als die unendlichen Weiten kindlicher Ferienzeiten. Aber selbst da hieß es irgendwann: Noch eine Woche, dann Schule. – Wenn ich die vergangenen zwanzig Tage jeweils mit einem Satz beschreiben würde, wäre dies noch keine Story, aber mindestens so kurios, als würde ich alle Bilder, die ich in den unterschiedlichen Kirchen und Museen gesehen habe, aus dem Gedächtnis zeichnen. In Wernigerode ein vollautomatisches Frühstück genossen. Altes Harzburger Bahnhofsfensterbunt. Braunlager Waldesklappern. Heringen – der Schlossgeist hat die Flut nicht verhindert. LPG-Lerchen über Thüringer Platte. Gotha gibt sich europäisch. – und so fort. Ich fürchte, meine Bilder brauchen länger. Auch Malen nach Zahlen – ohne Routine keine Freude, also keine wahre …

Goßensass – Ibsen